Jüdische Lokalgeschichte Düsseldorfs

Grafenberger Allee 78

Auf den Spuren der Geschichte eines Hauses, seiner Bewohnerinnen und Bewohner und der Einrichtungen, die dort waren.

20 Siebtklässlerinnen und Siebtklässler des Albert-Einstein-Gymnasiums Düsseldorf machen sich 2019 gemeinsam mit der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf auf den Weg, um die Geschichte des Hauses und der Menschen, die dort ein- und ausgingen, zu erforschen und sichtbar zu machen.

Zunächst interessiert die Jugendlichen, ab wann Schülerinnen und Schüler der Privaten Jüdischen Volksschule dort zur Schule gingen. Schnell wird allen klar, dieses Haus birgt sehr viel mehr jüdische Stadtgeschichte als gedacht.Was ist die Düsseldorf Loge? Was hat sie in der Stadt bewirkt? Warum gingen in diesem Haus Kinder in den Kindergarten oder in die Schule? Welche Bedeutung hatte dieses Haus für die Jüdische Gemeinde ab 1938? Gibt es etwas, das an die Geschichte und die Menschen erinnert?

Im Auftrag der Bezirksvertretung 2 recherchieren sie vor Ort und in der Gedenkstätte und entwickeln Ideen für ein Erinnerungszeichen.

Am 4. März 2020 ist es soweit. Das neue Erinnerungszeichen wird an der Grafenberger Allee 78-80 eingeweiht.

 

Hintergrund des Projekts:

Die Projektidee entstand zeitgleich in der Bezirksvertretung 2 und dem Albert-Einstein-Gymnasium, etwas zu diesem Haus und seinen Nutzungen zu machen.

Ein Beschluss der Bezirksvertretung 2 im November 2018 enthielt einen Auftrag an das Albert-Einstein-Gymnasium und die Gedenkstätte, ein Projekt zum Haus zu machen, Inhalte zu recherchieren und ein Erinnerungszeichen zu entwickeln.

Projektleitung: Jonathan Grünfeld, Albert-Einstein-Gymnasium, und Astrid Wolters, Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf.

Ab Anfang 2019 begann die inhaltliche Arbeit: Recherchen, Projekttage mit dem Albert-Einstein-Gymnasium vor Ort, in der Mahn- und Gedenkstätte und in der Schule.

20 Schülerinnen und Schüler der 7. Klasse erarbeiteten die Hausgeschichte, überlegten die Gestaltung eines Erinnerungszeichens und entwickelten Texte zur vertiefenden Information für diese Homepage.

Die Grafikerin Suna Niemetz, die auch die Dauerausstellung der Gedenkstätte grafisch gestaltet hat, wurde beauftragt, die Gestaltung des Zeichens nach den Ideen der Schülerinnen und Schüler zu übernehmen.

Am 3. September 2019 präsentierten die Schüler Elad, Masal, Elina, Maya und Anna-Sophia aus der Projektgruppe mit ihrem Lehrer Herrn Grünfeld und Astrid Wolters (Mahn- und Gedenkstätte) die inhaltlichen Ergebnisse ihrer Recherchen und die Gestaltungsentwürfe.

Die Bezirksvertretung 2 nahm den ersten Entwurf an und bewilligte die beantragte Summe für die weitere Entwicklung, die Produktion und die Aufstellung des Erinnerungszeichens.

Die zweite Projektvorstellung fand beim Vorstand der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf statt. Am 6. November 2019 erklärten die Jugendlichen den sichtlich beeindruckten Vorstandsmitgliedern die Bedeutung des Hauses Grafenberger Allee 78. Es war ein wichtiger Ort für die Geschichte der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. Das Haus der Düsseldorf Loge von B’nei B’rith ab 1921, Zentrum des Gemeindelebens ab 1939, zuvor fanden schon Feiern und Versammlungen dort statt.

Einhellige Meinung: Es soll eine würdige Erinnerung an das Haus, seine Bewohner und die von dort deportierten Menschen geben.

 Einweihungstermin des neuen Erinnerungszeichens am 4. März 2020, 15 Uhr, vor dem Haus. Die für 17 Uhr angesetzte Feierstunde im Leo-Baeck-Saal der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf musste wegen der Gefährdung durch den Coronavirus abgesagt werden.

 

Entwurf des Erinnerungszeichens

Die Idee der Schülerinnen und Schüler wurde aufgegriffen, die Geschichte des Hauses zu erklären und an die Kinder und Jugendlichen, Erwachsenen und alten Menschen zu erinnern, die dort gelebt, gearbeitet haben, in den Kindergarten oder zur Schule gingen.

Ein Korpus aus Cortenstahl, der aussieht wie ein Splitter, links ein kurzer Text zum Haus, eine Zeichnung der ersten Hausfassade und u.a. ein bildlicher Hinweis auf die Düsseldorf Loge der Organisation B’nei Brith. Die Bedeutung für die Jüdische Gemeinde Düsseldorf wird unterstrichen.

Rechts stehen zwei fast lebensgroße Figuren: der Junge Kurt Lubascher, der 15 Jahre alt wurde, stellvertretend für die Schülerinnen und Schüler und Kindergartenkinder aus dem Haus. Kurt wurde mit seiner Mutter in das Ghetto Litzmannstadt deportiert und in Chełmno ermordet. Kurt Lubascher hat auch in dem Haus gewohnt, weil seine Eltern dort ein Restaurant betrieben haben.

Die zweite Figur zeigt Ida Sostheim, die 82-Jährig aus dem Altenheim 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde. Sie steht stellvertretend für die alten Menschen, die in diesem Haus untergebracht waren. Die Geschichte ihrer Enkelin Ruth wird in der Dauerausstellung der Gedenkstätte dargestellt.

 

Hausgeschichte (Kurzfassung)

  • Das Haus war ab 1921 Sitz der Düsseldorf-Loge der jüdischen Organisation B’nei B’rith, (sie kümmerte sich v.a. um Wohlfahrtspflege)
  • Ab 1926 Kindergarten der „Schwesternvereinigung der Loge“ (Ehefrauen der Logenmitglieder, denn es durften nur Männer Mitglied werden)
  • 1934 Schenkung an die Jüdische Gemeinde Düsseldorf
  • Ab 1939 Zentrum des jüdischen Lebens in Düsseldorf:

Synagogenersatz, Schule, Versammlungsort, Ort kultureller Veranstaltungen, Altenheim

  • 1942 Zerstörung der Gebäude durch einen Bombenangriff
  • 1955 Verkauf und Neubau
  • 1993 Verkauf an jetzige Besitzer

Dank an die Firma Bagel als Hauseigentümerin, an die Bezirksvertretung 2, Herrn Aschendorf und Herrn Kreikenbaum für die vielfältige Unterstützung und umfangreiche Arbeit, an Ben Klar als Ideengeber, an Frau Mommer für die Unterstützung.

Impressum: Ein Projekt des Albert-Einstein-Gymnasiums und der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf im Auftrag der Bezirksvertretung 2.

Projektleitung: Jonathan Grünfeld, Albert-Einstein-Gymnasium, Astrid Wolters, Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf,

Gestaltung des Erinnerungszeichens: Suna Niemetz

Herstellung und Aufbau: Metallbau G. Kitzinger, Firma Wouters, Firma Rockstroh, Firma Küster

Homepage: Tiemo Duarte, Albert-Einstein-Gymnasium

 

Grafenberger Allee 78

Lesen Sie hier die geschichtlichen Hintergründe zum Erinnerungszeichen an der Grafenberger Allee 78.

1   Gemeindehaus Grafenberger Allee 78

Das Gebäude Grafenberger Allee 78 war seit 1921 im Besitz der jüdischen Loge „Düsseldorf-Loge“. Als sogenanntes „Logenhaus“ fanden hier ihre Sitzungen und Veranstaltungen statt.

Bild: Archiv der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf

Die Düsseldorfer Loge wurde 1901 gegründet und setzte sich für die Förderung von Toleranz, Humanität und Wohlfahrt ein.

Im Jahr 1934 übertrug die Düsseldorf-Loge das Haus Grafenberger Allee 78 als Schenkung der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf.

Einige Jahre später, am 19. April 1937, wurden alle jüdischen Logen von den Nationalsozialisten verboten.

Im Gebäude Grafenberger Allee 78 befanden sich im Laufe der Zeit mehrere jüdische Einrichtungen.

Ab 1926 war hier ein jüdischer Kindergarten mit Hort untergebracht, die von der Schwesternvereinigung der Düsseldorf-Loge betrieben wurden.

Von 1928 bis 1938 betrieb das Ehepaar Paul und Helene Lubascher im Gebäude eine Gastwirtschaft mit angeschlossener Pension.

Nach dem Novemberpogrom 1938 und der Zerstörung der Synagoge in der  Kasernenstraße nutzte die Jüdische Gemeinde Räume in der Bilker Straße 25 und der Grafenberger Allee 78, um Gebete abzuhalten.

Die Jüdische Volksschule Düsseldorf, seit 1935 beheimatet in einem Nebengebäude der Synagoge Kasernenstraße, zog nach dem Novemberpogrom ebenfalls in die Grafenberger Allee 78.

Da den Juden ab November 1938 der Besuch von Theatern und Kinovorstellungen per Gesetz verboten war, bot die Jüdische Gemeinde in der Grafenberger Allee 78 kulturelle Veranstaltungen an.

Senioren der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, die im Gemeindehaus Bilker Straße 25 untergebracht waren, mussten im Frühjahr 1942 in die Grafenberger Allee 78 umziehen. Das Haus diente nun auch als Seniorenheim. Die Bewohner des Heims wurden im Juli 1942 von hier aus in das Ghetto Theresienstadt deportiert.

 

 

2   Der jüdische Kindergarten

Im Jahr 1926 wurde im „Logenhaus“ Grafenberger Allee 78 ein jüdischer Kindergarten mit Kinderhort eingerichtet.

Betrieben wurden beide von der sogenannten „Schwesternvereinigung“ der Düsseldorf-Loge. Die Vereinigung bestand aus Ehefrauen von Logenmitgliedern, da nur Männer Mitglied in der Düsseldorf-Loge werden konnten.

Der Kindergarten hatte für 25 bis 30 Kinder unter sechs Jahren Platz.

Kindergarten und Hort boten eine tägliche Betreuung der Kinder an. Zudem wurden im Logenhaus kleine Bühnenstücke aufgeführt, z.B. an Feiertagen. Für jugendliche Mädchen gab es Abendgestaltungen.

Dora Moritz (später Dvora Diskin) beschreibt ihre Zeit im Kindergarten als wundervoll. Sie berichtet:

„Ich kann mich an meinen jüdischen Kindergarten erinnern, der auf der Grafenberger Allee war. Ich liebte meine Kindergärtnerinnen. Dank dieser Erziehung konnte ich mit fünf Jahren Farben mischen und zeichnen, Bücher einbinden, klassische Musik hören, auswendig lernen und vorführen. Nie wurde ein Kind geschlagen oder gestraft. Dieser herrliche Kindergarten gab mir eine breite Basis für meine weitere Bildung.“

Nachmittags fand auch eine Betreuung für ältere Kinder statt. Die Kinder und Jugendlichen wurden unter anderem durch Kindergärtnerinnen wie Rosa Tawrogi, Hilde Stiel und die Gemeindeschwester Elfriede Bial betreut.

 

3   Die Jüdische Volksschule

Im Jahr 1935 wurde die Jüdische Gemeinde Düsseldorf durch das „Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen“ mit der Frage konfrontiert, wie ihre Kinder weiterhin beschult werden können. Diesem Gesetz zufolge durften an öffentlichen Schulen höchstens 1,5 Prozent der Schüler jüdisch sein.

Bild: Archiv der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf

Als Antwort auf das Gesetz eröffnete die Gemeinde im April 1935 in einem Nebengebäude der Synagoge Kasernenstraße die Jüdische Volksschule. Unter der Leitung von Dr. Kurt Herz stehend, besuchten die Schule anfangs 210 Schülerinnen und Schüler in sechs Klassen. Im Jahr 1936 stieg ihre Zahl nach einem weiteren Gesetz auf 387 an.

An dieser Schule unterrichtete unter anderem der Künstler Julo Levin. Schüler, die die Schoa überlebten, berichteten mit großer Sympathie von ihm und seinem Kunstunterricht. Zahlreiche Bilder, die in seinem Unterricht entstanden, wurden gerettet und befinden sich heute im Stadtmuseum Düsseldorf. Julo Levin wurde später von Berlin aus nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

In den 1930er Jahren versuchten viele jüdische Familien Düsseldorfs auszuwandern. Die Jüdische Volksschule reagierte darauf mit speziellen Kursen, die die Kinder gezielt auf die Auswanderung vorbereiten sollten. Die Schüler lernten auch verschiedene Sprachen, um ihnen den Schritt ins Ausland zu erleichtern.

Unter den Schülern der Schule waren: Hanna Zürndorfer (geb. 1925 in Düsseldorf), die die Schule mochte, da sie längst nicht so streng war und die Lehrer nett und gebildet waren. Sie war traurig, dass täglich Mitschüler auswanderten.

Werner Grossmann (geb. 1927 in Düsseldorf) mochte die Schule ebenfalls, da die Lehrer dort freundlicher waren. Er berichtete: „Wie mein Bruder Gerd besuchte ich zuerst die Volksschule an der Kreuzstraße. Als Adolf Hitler 1933 in Deutschland an die Macht gekommen war, habe ich mich dort gar nicht mehr wohl gefühlt. Ich hatte im zweiten Schuljahr einen Lehrer namens Zorn. Er war ein begeisterter Anhänger der Nationalsozialisten.

Bild: Archiv der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf

Er sagte einmal über mich: `Was, ich muss mich noch immer mit diesem verdammten Judenkind abgeben?` Als ich auf die Schule für jüdische Kinder an der Kasernenstraße wechselte, war ich froh. Ich fand es deshalb auch ganz schrecklich, als die Schulräume in der Pogromnacht am 9./10. November 1938 zerstört wurden. Eine Zeit lang hatten wir keinen Unterricht. Ich war traurig, dass die Schule geschlossen war, denn der Unterricht war sehr wichtig für mich. Bald konnte der Schulbetrieb zum Glück im Gemeindehaus an der Grafenberger Allee fortgesetzt werden.“

Nach der Zerstörung der Synagoge und der Volksschule während des Novemberpogroms 1938 wurde die Schule im Gebäude Grafenberger Allee 78 untergebracht. Zwischenzeitlich war die Anzahl der Schülerinnen und Schüler auf unter 100 geschrumpft.

1941 – in diesem Jahr begannen die Deportationen – besuchten noch ca. 42 Kinder die Jüdische Volksschule.

Per Erlass wurde der Unterricht jüdischer Schülerinnen und Schüler im Juni 1942 verboten, ein Jahr, nachdem die meisten von ihnen bereits deportiert worden waren.

Bild: Archiv der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf

 

4   Kurt Lubascher

Kurt Lubascher wurde am 31. Dezember 1926 in Solingen geboren. Zwei Jahre später zog die Familie nach Düsseldorf.

Kurt lebte mit seinen Eltern Paul und Helene Lubascher im Haus Grafenberger Allee 78. Dort betrieben sie von 1928 bis 1938 ein Restaurant.

Bild: Archiv der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf

Kurt besuchte die Jüdische Volksschule an der Kasernenstraße. Von ihm ist ein Bild aus dem Kunstunterricht bei Julo Levin erhalten.

Im Mai 1938 zog Kurts Familie in die Steinstraße 60. Dort betrieb seine Familie eine Gaststätte mit angeschlossener Pension. Kurz nach dem Umzug ereignete sich der Novemberpogrom. Auch Kurts Familie war davon betroffen: Die gesamte Einrichtung inklusive Küche wurde zerstört und die Pensionszimmer demoliert. Außerdem wurde in der Pension Feuer gelegt. Ein Gast von Familie Lubascher kam während des Pogroms ums Leben.

Nach dem Pogrom wurden Gaststätte und Pension notdürftig instandgesetzt. Später wurde das Haus zu einem sogenannten „Judenhaus“ umfunktioniert. Hier mussten Juden in der Zeit vor ihrer Deportation wohnen.

Nach dem Pogrom 1938 besuchte Kurt weiterhin die Jüdische Volksschule, die inzwischen in die Grafenberger Allee umgezogen war. Hier hatte Kurt zehn Jahre mit seiner Familie gelebt.

Kurts Familie erhielt zum Oktober 1941 die Aufforderung zur Deportation in das Ghetto Litzmannstadt. Kurz nach Eintreffen des Schreibens nahm sich Kurts Vater das Leben. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof an der Ulmenstraße beerdigt.

Kurt und seine Mutter wurden Ende Oktober 1941 in das Ghetto Litzmannstadt deportiert. Dort musste er ab Dezember 1941 als Schlosser arbeiten. Seine Mutter musste in der Küche arbeiten.

Im September 1942 wurden Kurt und seine Mutter in das Vernichtungslager Chelmno deportiert und ermordet.

Stellvertretend für die Bewohner des Hauses ist Kurt Lubascher auf dem Erinnerungszeichen abgebildet und es wird von seinem Lebensweg berichtet.

 

5   Günther Gottschalk

Vor dem ehemaligen Gemeindehaus in der Grafenberger Allee wurde für den jüdischen Jungen Günther Gottschalk ein Stolperstein verlegt.

Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunther Demnig. Sie erinnern an Menschen, die während der NS-Zeit verfolgt, deportiert und zumeist ermordet wurden. Dies ist auch Günthers Schicksal.

Günther Gottschalk wurde am 10. Februar 1933 als Sohn einer jüdischen Familie in Königsfeld in der Eifel geboren. Über seine Familie liegen uns nicht viele Informationen vor, so dass wir teilweise über ihre Lebensstationen nur spekulieren können.

Vermutlich zog Günthers Familie Ende der 1930er Jahre von Königsfeld in der Eifel nach Köln. 1940 wurde Günther ohne seine Familie unter der Adresse Grafenberger Allee in Düsseldorf angemeldet. Wahrscheinlich wurde er von seiner Familie nach Düsseldorf gebracht, um die Jüdische Volksschule zu besuchen, im selben Gebäude zu wohnen und dort von der Jüdischen Gemeinde versorgt zu werden. Diese Vermutung wird dadurch erhärtet, dass damals weitere jüdische Kinder unter dieser Adresse gemeldet waren.

Im Oktober 1941 – also wenige Monate nach der Schließung der Jüdischen Volksschule – wurde Günther unter einer Adresse in Königsfeld angemeldet, dem Heimatort seiner Familie.

Günther, seine Eltern und seine vier Geschwister wurden später deportiert. Genauere Umstände über Günthers Deportation und seinen weiteren Lebensweg sind ungeklärt. Er und seine Familie wurden nach dem Krieg für tot erklärt.

Von Günther Gottschalk existieren weder Fotos noch gibt es eine Grabstelle, an der man um ihn trauern kann. An sein besonderes Schicksal möchten wir in diesem Moment erinnern, indem wir seinen Namen nennen, von seinem kurzen Leben berichten und auf seinen Stolperstein verweisen.

 

6   Das jüdische Altenheim

Im Gemeindehaus der Jüdischen Gemeinde in der Bilker Straße 25 war ein jüdisches Altenheim untergebracht. Dort betreute die Jüdische Gemeinde 70 alte und kranke Menschen.

Bild: Archiv der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf

Außerdem unterhielt die Jüdische Gemeinde dort auch eine Küche für Kranke und Bedürftige.

Im Frühjahr 1942 mussten die Bewohner des Altenheims in das Gebäude Grafenberger Allee 78 umziehen. Von dort aus wurden 81 Bewohnerinnen und Bewohner am 21. Juli 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert.

Zu diesem Transport zählten unter anderem Ida Sostheim und Moses Rübsteck.

Ida Sostheim wurde am 8. Juni 1860 in Lippstadt geboren und war die Großmutter von Ruth Sostheim. Sie starb im Ghetto Theresienstadt. Stellvertretend für die Bewohner des Hauses soll Ida Sostheim auf dem Erinnerungszeichen abgebildet und vorgestellt werden.

Moses Rübsteck wurde am 19. August 1857 in Schiefbahn geboren. Er war der Großvater von Werner Rübsteck. Von dort kam er am 21. September 1942 in das Vernichtungslager Treblinka und wurde ermordet.

Das Ghetto Theresienstadt wurde Ende des 18. Jahrhunderts von Kaiser Joseph dem Zweiten erbaut.

Im Juni 1940 übernahm es die Gestapo und richtete dort das Ghetto ein.

In Theresienstadt starben über 40 000 Häftlinge. Mehr als 90 000 Häftlinge wurden weiter deportiert, viele anschließend ermordet.

Unter den Häftlingen befanden sich 15 000 Kinder. Von diesen Kindern erlebten nur 150 das Kriegsende.